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Übersicht:

Seit wenigen Jahren bringen Verkehrsexperten und Stadtplaner immer wieder den Vorschlag ein, punktuell Luftseilbahnen zur Lösung bestimmter innerstädtischer Verkehrsprobleme heranzuziehen, weil sie einen Beitrag zu nachhaltigerer Mobilität leisten können. Luftseilbahnen lassen sich in den bestehenden ÖPNV integrieren und die Kabinen können problemlos so konzipiert werden, dass sie Barrierefreiheit und Fahrradmitnahme ermöglichen. Sie sind sparsam im Flächenverbrauch und tragen zu geringeren C02-und Luftschadstoffemissionen des Verkehrssektors und verringerter Lärmbelastung bei.

In zahlreichen Städten weltweit werden Luftseilbahnen bereits innerstädtisch eingesetzt, in Deutschland bleibt es aber oft nur bei einer Idee. In Baden-Württemberg werden bisher keine Luftseilbahnen als Bestandteil des ÖPNV eingesetzt. In den letzten Jahren hat sich die Anzahl dieser Projektideen allerdings deutlich erhöht. Trotz technisch voll ausgereifter Systeme stoßen neue Projekte in Deutschland teilweise auf erhebliche Widerstände in der Bevölkerung und unter professionellen Akteuren, die eine Realisierung derartiger Vorhaben verhindern.                          

Seilbahnanlagen der beiden Marktführer in Berlin (links, © Leitner Ropeways, www.leitner-ropeways.com) und in La Paz, Bolivien (rechts, © Doppelmayr Seilbahnen, www.doppelmayr.com)

 

Im vorliegenden Projekt sollen deshalb die Einsatzmöglichkeiten sowie die Integrationsmöglichkeiten von Luftseilbahnen in den ÖPNV für drei Untersuchungsräume in Baden-Württemberg herausgearbeitet werden. Um Hemmnisse besser verstehen zu können, werden Erwartungen und Bedenken sowohl in Workshops mit professionellen Akteuren als auch in Fokusgruppen mit Bürgern identifiziert und diskutiert. Zusätzlich werden mithilfe eines mikroskopischen Verkehrsmodells die anzunehmenden Wirkungen einer Luftseilbahn in einem der Untersuchungsräume quantitativ analysiert, um gesamtökonomische und ökologische Bewertungen potenzieller Luftseilbahnen vorzunehmen.

Für den effektiven Wissenstransfer in die Praxis wird ein Handlungsleitfaden erstellt, der für Akteure auf den verschiedenen Handlungsebenen wichtige Punkte im Umgang mit dem Verkehrsmittel Luftseilbahn für seinen urbanen Einsatzzweck übersichtlich aufbereitet.

 

Aufgaben:

  • Experteninterviews
  • Identifikation von Anwendungsfällen
  • Qualitative Analyse
  • Quantitative Analyse
  • Umsetzungsszenarien
  • Potenziale für urbane Luftseilbahnen in Baden-Württemberg
  • Handlungsleitfaden für Praxisakteure

 

Projektfortschritt:

Untersuchungsräume:

Die Analyse bezieht sich auf drei baden-württembergische Untersuchungsräume (Stuttgart, Konstanz und Heidelberg), die jeweils aktuell vor spezifischen Verkehrsproblemen stehen. Teilweise wird in Städten auch öffentlich und unabhängig von der hier vorgestellten Forschung bereits über urbane Seilbahnverbindungen diskutiert.

Untersuchungsräume des Projekts „Hoch hinaus“ (Datenquelle für Kartengrundlage: LGL, www.lgl-bw.de)

 

Quantitativer Teil:     Abbildung in Verkehrsnachfragemodellen und gesamtwirtschaftliche Bewertung

Der quantitative Teil fokussiert auf die Abbildung einer exemplarischen urbanen Seilbahnverbindung in einem Verkehrsmodell für den Untersuchungsraum Stuttgart sowie die Diskussion der Abbildung urbaner Seilbahnen in der sogenannten „standardisierten Bewertung“ öffentlicher Infrastruktur­vorhaben. Die Modellierung betreffend zeigt sich, dass urbane Seilbahnen als Erweiterung des öffentlichen Verkehrs in Verkehrsnachfragemodellen grundsätzlich abgebildet werden können. Ein solches Vorgehen wird für eine Seilbahnverbindung in Stuttgart-Vaihingen exemplarisch vorgestellt. Es bestehen jedoch weiterhin Unsicherheiten hinsichtlich der zu verwendenden Parameter (z. B. Umsteigezeiten an Verknüpfungspunkten) sowie hinsichtlich des Umgangs mit prinzipbedingten Unterschiedenen zu anderen Verkehrsmitteln im öffentlichen Verkehr (z. B. Festlegung der Kapazitätsgrenze im Modell). Mit Blick auf die „standardisierte Bewertung“, die der Wirtschaftlichkeitsuntersuchung von Verkehrsprojekten dient, zeigen sich ähnliche Schwierigkeiten. Einige der notwendigen Bewertungsansätze lassen sich zwar in Anlehnung an bekannte Werte für etablierte Verkehrsmittel anwenden, eine spezifische Berücksichtigung urbaner Seilbahnen ist jedoch nicht gegeben. Mangels spezifisch für Seilbahnen standardisierter Ansätze zu Kosten (z. B. Abschreibungszeiträume), Nutzen und Systemeigenschaften (z. B. Lärm) sind angemessene Bewertungen und damit auch Vergleiche mit Alternativen für urbane Seilbahnvorhaben nicht in der notwendigen Tiefe und Verlässlichkeit möglich.

 

Qualitativer Teil:     Bürgersicht und Expertenmeinung aus Stuttgart, Konstanz und Heidelberg

Der qualitative Teil basiert auf jeweils einem Bürger- und einem Expertenworkshop in den drei Untersuchungsräumen. In allen Workshops war eine grundsätzliche Aufgeschlossenheit gegenüber urbanen Seilbahnen zu beobachten, die Analyse des Potentials für die jeweilige Stadt wurde begrüßt. Bezogen auf die jeweilige konkrete verkehrliche Eignung und Leistungsfähigkeit der in den Gruppendiskussionen jeweils als vorstellbar identifizierten urbanen Seilbahnverbindungen gab es jedoch auch vielerlei Zweifel. Übereinstimmend mit den Ergebnissen des quantitativen Teils kommen hier die mangelnden Erfahrungen mit dem neuartigen Verkehrsmittel zum Tragen. Trotz der nur teilweise vorhandenen unmittelbaren Greifbarkeit möglicher Auswirkungen einer urbanen Seilbahn ist jedoch zu betonen, dass mit Hilfe des Alltagswissens der Bürger in Bezug auf die Möglichkeiten urbaner Seilbahne jeweils auch Themen adressiert werden konnten, die standardisierten Ansätzen wiederum nicht zugänglich wären. Auch bei den Experten waren beide Seiten zu sehen: Trotz der identifizierten vielfältigen Wissenslücken mit wesentlichen Unsicherheiten für Planungsabläufe gibt es eine große Offenheit, die die grundsätzlichen Vorteile der Seilbahn wie beispielsweise die Platzeinsparung am Boden anerkennt. Umso wichtiger schien den Teilnehmern die offene und gründliche Auseinandersetzung mit den Potentialen und Schwierigkeiten urbaner Seilbahnen. Hervorzuheben ist, dass auch die qualitative Analyse in drei Untersuchungsräumen nur exemplarisch zu verstehen ist, die Rahmenbedingungen in den entsprechenden Städten unterscheiden sich deutlich und die urbane Seilbahn verspricht nach den Diskussionsergebnissen jeweils unterschiedliche Funktionen zu erfüllen. In Stuttgart als Zentrum einer ganzen Metropolregion geht es um eine punktuelle Ergänzung des ÖV-Netzes, in Konstanz um einen möglichen grundsätzlichen Umbau des ÖV-Systems, in Heidelberg schließlich wieder um eine mögliche stellenweise Ergänzung des ÖV-Netzes.

 

Fazit:

Beide Teile der Untersuchung unterstreichen, dass urbane Seilbahnen kein Allheilmittel für die Lösung urbaner Verkehrsprobleme und für den ÖV-Ausbau sind. Trotz der bestehenden Potentiale sind urbane Seilbahnprojekte immer sehr von den lokalen Gegebenheiten abhängig. Die grundsätzliche Offenheit in den drei Untersuchungsräumen zeigt jedoch, dass die gründliche Prüfung der bestehenden Potentiale und das Abarbeiten bestehender Schwierigkeiten lohnenswert sind. Die vorgestellten Ergebnisse als Teil des Projekts „Hoch hinaus in Baden-Württemberg“ werden entsprechend die Grundlage für weiterführende Handlungsempfehlungen zum Umgang mit dem Thema urbane Seilbahnen bilden.

 

 

 

Fördermittelnehmer:

Karlsruher Institut für Technologie
Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse
Maike Puhe (Projektleitung)
maike.puhe@kit.edu

Karlsruher Institut für Technologie
Institut für Verkehrswesen

Partner (assoziiert):

  • Stadt Konstanz
  • Doppelmayr Seilbahnen GmbH

Projektlaufzeit:

27 Monate

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